Deutschland-Umfrage: Mehrheit will Großbauprojekte aufschieben oder gleich stoppen


65 Prozent der Deutschen sind dafür, Großbauprojekte vor dem Hintergrund der Corona-Krise auf Eis zu legen oder sogar gleich zu stoppen. 61 Prozent befürchten zudem, dass durch Steuergelder finanzierte Großbauprojekte in der Krise „verdeckt“ an der Öffentlichkeit vorbei realisiert werden könnten. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen, objektiven und repräsentativen YouGov-Umfrage* im Auftrag der BELTRETTER. Sie sind gewichtet und repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

Zu derartigen Großbauprojekten gehört auch der geplante Ostsee-Tunnel, der auf deutscher und dänischer Seite Mittel in Höhe von insgesamt mindestens 16 Milliarden Euro verschlingen würde. Gegen das Projekt sind beim Bundesverwaltungsgericht noch verschiedene Klagen anhängig. Trotzdem hat die dänische Seite den Beginn der Bauarbeiten für Januar 2021 angekündigt.

Trotz Corona-Krise werden milliardenteure Großbauprojekte, wie der längste Absenktunnel der Welt zwischen Dänemark und der Ostseeinsel Fehmarn, weiter geplant. Dabei ist fast die Hälfte der Deutschen (42 Prozent) der aktuellen YouGov-Umfrage* zufolge der Meinung, dass solche Vorhaben während der Corona-Krise erst einmal auf Eis gelegt werden sollten. Die Mittel sollten besser in die Rettung von Unternehmen und Arbeitsplätzen fließen. Knapp jeder Vierte (23 Prozent) stimmt sogar für einen grundsätzlichen Stopp und eine Neubewertung derartiger teurer Großbauprojekte während der Krise.

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Knapp die Hälfte der Deutschen fordert: Fördergelder für Bauprojekte neu umverteilen!

Ein weiteres Ergebnis der YouGov Umfrage*: Dass deutsche und europäische Fördergelder in Bauprojekte fließen sollen, stößt vor dem Hintergrund der aktuell kritischen wirtschaftlichen Lage bei vielen Deutschen auf Unverständnis. Insgesamt 48 Prozent der Befragten meinen, dass diese Finanzmittel lieber zugunsten von Branchen in akuter Not umverteilt werden sollten. Insgesamt sprechen sich nur 21 Prozent der Deutschen für den Bau des umstrittenen Absenktunnels – es wäre der längste der Welt – aus. Fast die Hälfte (45 Prozent) der Deutschen lehnt den Bau dagegen grundsätzlich ab.

“Nahezu jeder zweite Deutsche ist gegen die Umweltsünde Ostsee-Tunnel und in der aktuellen Krisensituation der Meinung, dass die Finanzmittel an anderer Stelle dringender gebraucht werden. Deshalb haben wir erst kürzlich in einem offenen Brief an die Kanzlerin und den Bundesverkehrsminister dazu aufgerufen, den Fehmarnbelttunnel grundsätzlich einer objektiven Neuprüfung zu unterziehen. So ist es im Staatsvertrag zwischen Deutschland und Dänemark ohnehin für den Fall vereinbart, dass sich die Rahmenbedingungen stark verändern. Und der Fall ist in jeder Beziehung eingetreten”, so unsere BELTRETTER-Sprecherin Karin Neumann.

Die BELTRETTER sind eine Bewegung gegen den Ostsee-Tunnel, die viele einzelne Bürgerinitiativen, Naturschutzorganisationen und Tourismusunternehmen umfasst.

Mehr als 60 Prozent befürchten: Großbauprojekte werden in der Krise “verdeckt” realisiert

Während Themen wie Ausgangsbeschränkungen, Existenzängste und Sorgen um die Gesundheit den Alltag der Menschen beherrschen, drohen andere relevante Themen in den Hintergrund zu treten. So befürchten 61 Prozent** der Befragten der YouGov-Umfrage, dass durch Steuergelder finanzierte Großbauprojekte in der Krise “verdeckt” und so an der Öffentlichkeit vorbei durchgedrückt werden könnten.

“Das scheint aktuell auch tatsächlich der Fall zu sein. Die dänische Regierung hat angekündigt, jetzt doch schon bereits im Januar mit dem Bau beginnen zu wollen, obwohl sie zuvor versichert hatte, die deutschen Gerichte zu achten. Aktuell liegen dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zehn Klagen gegen den Bau vor, die Urteile stehen noch aus”, so Karin Neumann.

“Der Ostsee-Tunnel wäre der längste Absenktunnel der Welt. Diese monströse Idee wirkte schon vor der Corona-Krise wie aus der Zeit gefallen. Jetzt aber muss uns der Wert einer gesunden Umwelt noch einmal mehr bewusst werden”, kommentiert Karin Neumann.

“Die Wissenschaft konstatiert gerade, dass das menschengemachte Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt globale Infektionskrankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, fördert. Wir aber zerstören weiter intakte Ökosysteme? Das geht nicht. Und dagegen müssen wir aufstehen!”

Mit dem Bau des Ostsee-Tunnels würde die größte Baustelle Nordeuropas entstehen. Der Ostseeboden würde für den längsten Absenktunnel der Welt auf einer Länge von 18 Kilometern aufgegraben werden. In dramatischer Größenordnung – nämlich bis zu 200 Metern breit und 16 Meter tief. In diesem riesigen Graben würden die Betonelemente vergraben werden. Des Weiteren würden Sedimentaufwirbelungen die Ostsee für mindestens acht Jahre auf einer Strecke von 300 Kilometern trüben.

Mehrheit der Deutschen ist der Umweltschutz trotz Wirtschaftskrise wichtig

Der Bau des Ostsee-Tunnels wäre eine unverzeihliche Umweltsünde. Laut YouGov-Umfrage sind sich 46 Prozent der Deutschen darüber einig, dass trotz der Wirtschaftskrise der Umweltschutz nicht in Vergessenheit geraten sollte. 41 Prozent meinen, dass der Umweltschutz und die Wirtschaft gleich wichtig seien. 42 Prozent der Befragten glauben sogar, dass Investitionen in den Umweltschutz für neue Arbeitsplätze sorgen würden.

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* Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 2.052 Personen zwischen dem 24. und 27.04.2020 teilnahmen. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

** Laut Umfrage sagen 23 Prozent, das treffe voll und ganz zu, 38 Prozent sagen, es treffe eher zu.

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